Trend: Glokalisierung auf dem Teller

Trend: Glokalisierung auf dem Teller

Eigentlich wollte ich nur einen schönen Fisch fürs Familienessen erstehen – bei einem betulichen Streifzug durch die Auslagen meines Lieblingsfischhändlers. Doch dann kam alles ganz anders. Was beschaulich begann, artete schnell in  Stress aus, geriet ich doch in unerwartete Entscheidungsnot: Wildfang oder Zucht? Bio oder nicht? Salzwasser oder Süßwasser? Und fördert mein Kauf etwa das Aussterben gefährdeter Arten? Es ist derzeit keine Leichtigkeit, ein qualitativ hochwertiges und gleichzeitig politisch korrektes Lebensmittel zu erstehen – glauben Sie mir!

Wer mich kennt, der weiß: der Mittermeier hat sich schon immer stark gemacht fürs Regionale. Tue ich heute noch. Denn warum soll ich Kartoffeln kaufen, die über Hunderte von Kilometern im Lastwagen angekarrt werden, während die vom Bauern um die Ecke ebenso gut schmecken? Oder womöglich sogar besser?

Aber: ebenso wie ich lokalen Erzeugnissen gerne den Vorzug gebe, weiß ich Vielfalt und erstklassige Qualität zu schätzen. Zur Not auch aus fremden Gefilden. Wie so oft geht es darum, die perfekte Balance zwischen Parametern zu finden, die einem persönlich wichtig sind. Das kann die Herkunft ebenso sein wie die Art der Aufzucht, der Preis, die Saisonalität oder die Frage, ob ich ein eher experimentierfreudiger oder traditionell verhafteter Koch bin. Diese goldene Mitte jedoch zu finden, fällt selbst einem Profi nicht immer leicht.

Die goldene Mitte macht‘s

Viele Verbraucher sind derzeit also bei der Produktauswahl zu  Recht verunsichert und greifen im Zweifelsfall immer häufiger zum heimischen Bio-Lebensmittel. Das ist verständlich und grundsätzlich sehr lobenswert. Leider bringt man sich aber so völlig überflüssigerweise um jede Menge Gaumenfreuden.

Trend: Glokalisierung auf dem Teller

Denn wer kann schon sagen, was die Umwelt mehr belastet: die zuckersüße, reife Flugmango oder die im beheizten Treibhaus herangezüchteten Erdbeeren? Keiner! Verschiedene Tabellen und Apps sollen zwar in solchen Fragen Orientierung bieten. Doch beschäftigt man sich genauer mit ihnen – und das tue ich – stellt man schnell fest: die Aussagen widersprechen sich teilweise. Da hilft nur eines: sich seine eigenen Regeln zu schaffen, nach denen man leben und einkaufen möchte. Mir zum Beispiel wird es zu eng, wenn Regionalität zum Dogma wird.

Glokalisierung vereint das Beste aus zwei Welten

Denn: Beschränkung macht keinem Spaß, schon gar nicht in der Welt der Kulinarik. Weshalb ich auch ein großer Anhänger des gegenwärtigen Glokalisierungstrends bin. Was ich daran besonders schätze: Glokalisierung bezeichnet eine Form der Weltoffenheit, bei der alle Kulturen anerkannt und respektiert werden und gleichzeitig dennoch regionale Verwurzelungen erhalten bleiben. Bezogen auf die Küche bedeutet das: Glokalisierung vereint das Beste aus zwei Welten auf einem Teller.

Und so paare ich ohne schlechtes Gewissen die vor Ort erstandene Lammkeule mit einer importierten spanischen Chorizo, um das Ganze dann völlig ungeniert mit einer kräftigen Prise Raz el Hanout aus dem Maghreb abzuschmecken. Oder peppe den Kopfsalat vom Wochenmarkt mit Falafel und französischem Ziegenkäse auf. Ein Traum!

Wem das schon zu weit geht, der kann Glokalisierung auch anders interpretieren. Nämlich als Anwenden von Zubereitungsmethoden aus fernen Ländern auf hiesige Produkte und Gerichte. Auch so können interessante und völlig neue Geschmacksergebnisse erzielt werden!

Trend: Glokalisierung auf dem Teller

Sie möchten kulinarische Glokalisierung auf dem Teller selbst erleben? Eine typische Rezeptur für ein „Glokalisierungs-Gericht“ ist koreanisches Kimchi mit Bamberger Hörnla und Wildgarnele. Jeder mag frei genug sein die Bamberger Hörnla gegen eine andere Kartoffelsorte oder sogar Topinambur zu tauschen und die Riesengarnelen gegen Fischfilet – von hier oder von anderswo!

Glokalisierungsrezept zum Nachkochen: Kichmi mit Riesengarnele und Bamberger Hörnla

Kommentar verfassen*

* Es gelten die Allgemeinen Nutzungsbedingungen AEG-Blog Geschmackssachen.