Gastbeitrag von Mara Hörner: Misfits – wer bestimmt eigentlich die Norm?

Obst und Gemüse müssen lecker schmecken und nicht toll aussehen – das findet Mara Hörner, die auf ihrem Blog „Life is full of goodies“ unter anderem über gutes Essen schreibt. Ein Plädoyer, auch krummes und hässliches Obst und Gemüse zu verarbeiten.
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Schon als Kind fand ich es total toll, wenn meine Mom im Frühjahr in unserem Garten Gemüse pflanzte. Es gab nichts Besseres als die frisch geernteten, kleinen und tiefroten Kirschtomätchen, die man pur vernaschen konnte oder abends zum Vesper kredenzt bekam. Oder die riesigen „Mutanten-Zucchini“, wie ich sie nannte, die so groß waren, dass man gleich mehrere Gerichte aus nur einem einzigen Gewächs zubereiten konnte. Es gab jeden Sommer wirklich Unmengen an Zucchinigewächsen, aus denen wir am liebsten eine cremige Suppe oder leckeren Kuchen machten. Und auch die Erdbeeren in unserem Garten versüßten einem so manchen Sommertag. Frisch gezupft und umgehend verputzt.

Das Bewusstsein für „gute“ und „schlechte“ Lebensmittel hat sich verändert

Eigentlich ist heute noch alles genauso. Meine Mom baut nach wie vor gerne etwas Gemüse an und ich tue es ihr gleich. Es gibt Obst und Gemüse aus meinem mittlerweile eigenen Garten. Nach wie vor freue ich mich wie ein Kind, wenn es etwas zu ernten gibt. So haben wir zum Beispiel einige kleine ertragreiche Feigenbäume. Außerdem pflanze ich jedes Jahr Tomaten, Zucchini und Salatgurken an. Auch mit Rüben, Karotten und Radieschen versuche ich regelmäßig mein Glück. Ein weiterer Dauerbrenner sind Chilischoten in allen Variationen. Kann man ja auch prima einfrieren. Aber eine Sache hat sich im Laufe der Zeit – leider – etwas verändert. Das Bewusstsein für „gute“ und „schlechte“ Lebensmittel. Für Frische, Qualität und Geschmack.

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Krummes Gemüse: Gebt auch unförmigen Karotten und Co. eine Chance

Heutzutage bekommen wir durch allzeit gegenwärtige Werbung gezeigt und vorgegaukelt, wie gutes und gesundes Gemüse auszusehen hat. Man sieht prall reife, schön gefärbte und gleichmäßig geformte Früchte im Fernsehen und in den Supermarktregalen. Eine Frucht gleicht der anderen. Jede einzelne sieht perfekt, nahezu geklont aus. Alles, was ein klein wenig von der optischen „Norm“ abweicht, bleibt gerne bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag im Regal liegen – bis sich irgendwann ein Angestellter erbarmt, die Lebensmittel auszusortieren und zu entsorgen (!). Oder aber die Gewächse schaffen es erst gar nicht bis in den Supermarkt, weil sie bereits zuvor durchs genau definierte Raster fallen…

Um sich das mal klar zu machen: Bei den aussortierten Lebensmitteln handelt es sich meistens um gesunde, reife Gewächse, die lediglich wegen ihres optischen Erscheinungsbildes nicht verwertet werden und im Müll landen. Obwohl man dieses Obst oder Gemüse genauso gut hätte essen können und es sicherlich auch genauso geschmeckt hätte wie „wohl geformtes“. Ist das nicht traurig? Dieser Überfluss, diese Verschwendung?

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Über den Tellerrand gucken und auch mal etwas anderes zulassen

Aber wer genau bestimmt denn überhaupt die Norm? Klar, eine Norm ist das, was in der überwiegenden Mehrheit auftritt. Das Gängige, das Übliche, das allgemein Bekannte. Aber ist es nicht hin und wieder auch mal schön, über diese Norm hinwegzuschauen, über den Tellerrand zu gucken oder auch mal etwas anderes zuzulassen? Fanden wir es als Kind nicht unglaublich toll und besonders, wenn wir die besonderen, einzigartigen Dinge dieser Welt entdeckt haben? Waren wir nicht ganz aus dem Häuschen, wenn wir eine zusammengewachsene Kirsche am Baum entdeckt oder eine Karotte mit zwei Enden ausgegraben haben? Oder eine Erdbeere, die nicht oval, sondern herzförmig aussah? Waren es früher nicht genau diese „Misfits“, die uns begeisterten, freuten und ein Lächeln ins Gesicht zauberten? Warum nur ging uns diese Einstellung verloren?

Gesundes Obst und Gemüse muss nicht schön sein

Was ich damit natürlich sagen möchte: In Hinblick auf die Frische und die Qualität bei Obst oder Gemüse kommt es nicht immer nur auf das Erscheinungsbild an. Im Gegenteil. Wir sollten auch unförmigerem Obst oder Gemüse, den sogenannten Misfits, eine Chance geben, auf unseren Tellern und in unserem Mund zu landen. Gemüse soll reif sein, Früchte süß. Beides stellt man nicht immer anhand der Form fest, sondern viel mehr am Geruch, an der Farbe oder der Festigkeit des Gewächses. Und genau diese Fakten machen den Trend aus, wieder vermehrt auf Misfits zurückzugreifen. Viele Menschen erkennen und sind sich dessen bewusst, dass Obst und Gemüse nicht nur dann gut sind, wenn sie ein genormtes Aussehen aufweisen, sondern dass auch „frei Schnauze“ gewachsene Gewächse in nichts nachstehen müssen. Um zum Beispiel eine Karotte zur Suppe zu verarbeiten, muss sie nicht kerzengerade sein. Sie darf krumm und gerne auch mit zwei Enden bestückt sein. Sie muss lediglich geschmacklich überzeugen. Wird ja schließlich eh püriert. Oder aber die fleckigen Tomaten, die man zu einer Sauce verarbeiten will. Wen stören denn da ein paar dunkle oder helle Punkte auf der Oberfläche?! Sieht doch nachher ohnehin keiner mehr.

Gemüse aus dem Garten: Freut euch auch über die krumm gewachsene Salatgurke

Seht die Welt doch mal wieder mit Kinderaugen und freut euch, wenn ihr eine völlig krumm gewachsene Salatgurke entdeckt oder eine Erdbeere pflückt, die nicht oval ist, sondern eine völlig andere Form für sich gewählt hat. Greift auch mal zu einem „Misfit“. Es wäre doch zu schade, wenn wir diese prächtigen Gewächse nur nach ihrem Äußeren beurteilen würden. Wo kämen wir denn da hin…
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